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Dialog macht Schule im Interview

„Die Kids sind nicht unpolitisch. Sie haben nur andere Codes."

„Demokratie leben!“ im Gespräch mit Dialog macht Schule über Demokratiearbeit an Schulen

Wie genau trägt denn Dialog macht Schule zur Demokratiestärkung bei? Wie fördern Sie Jugendliche in ihrer demokratischen Bewusstseinsbildung?

Hassan Asfour: Wir haben beobachtet, dass unsere Jugendlichen wenig Identifikationspotenzial haben und sie denken, es interessiert keinen, was sie sagen. Genau an diesem Punkt gehen wir rein und vermitteln nicht klassisch: Was ist das Grundgesetz oder was ist Demokratie, sondern schaffen erst Beziehungen. Es gibt einen schönen Satz von meinem Lehrtherapeuten: „Am Ende sind es Menschen, die Menschen bewegen.“ Demokratiebildung fängt mit Persönlichkeitsentwicklung an. Das bedeutet auch, Meinungen von anderen nicht einfach zu übernehmen, sondern kritisch zu hinterfragen. Je mehr wir sie dabei unterstützen, sich eine eigene Meinung zu bilden und urteilen zu können, desto selbständiger und handlungsfähiger werden sie.

 

Ich glaube, wir würden sie nicht bei der Stange halten, wenn wir mit ihnen zwei Jahre im Stuhlkreis sitzen und reden. Das kriegen selbst wir nicht hin.

 

Wie muss zeitgemäße politische Bildung Ihrer Meinung nach für junge Menschen heute aussehen? Bleiben die Dialoggruppen thematisch nicht auf einer sehr privaten Ebene?

Hassan Asfour: Subjektorientierung ist ganz wichtig in der politischen Bildung, also zu schauen, wo stehen diese jungen Menschen gerade in der Persönlichkeitsentwicklung. Wenn ich in die Gruppen gehe, ohne den familiären und sozialen Kontext zu erfassen und Themen vorgebe, dann haben die Jugendlichen keine Anknüpfungspunkte zu ihrer Lebensrealität. Mit Begriffen wie „Globalisierung“ und „Fair Trade“ erschlagen wir sie. Die Kinder sind nicht unpolitisch. Sie haben nur andere Codes. Die müssen wir lebensweltlich runter brechen, dann können wir mit ihnen arbeiten.


Reina Maria Nerlich: Meiner Meinung nach muss politische Bildung weg von der reinen Lehre hin zu dem Anspruch, den Jugendlichen zu zeigen „Das geht mich was an, ich kann was mitbestimmen.“ Es geht darum aufzuzeigen, warum es wichtig ist, dass sie sich einmischen. Und dann muss man sie motivieren, aktiv zu werden, sei es in einem kleineren oder großen Rahmen. Nicht zuletzt muss politische Bildung die großen Kontexte aufzeigen: Mein eigenes Handeln kann auch eine weitreichende Wirkung auf gesellschaftlicher Ebene haben.

Das klingt in der Theorie toll, aber was machen Sie konkret mit 1200 Kindern und Jugendlichen pro Woche in den Dialoggruppen? Und wie halten Sie sie zwei Jahre bei der Stange?

Hassan Asfour: Ich glaube, wir würden sie nicht bei der Stange halten, wenn wir mit ihnen zwei Jahre im Stuhlkreis sitzen und reden. Das kriegen selbst wir nicht hin (lacht). Ich glaube, es sind vor allem die Persönlichkeiten der Dialogmoderatorinnen und -moderatoren. Wir achten beim Auswahlprozess sehr darauf, ob sie Erfahrungen mit der Lebenswelt der Kids haben und darauf eingehen können. Da geht es nicht so sehr darum, ob sie selbst Migrationshintergrund haben, sondern sind sie offen und interessieren sich ernsthaft für das, was die Jugendlichen zu sagen haben. Ich frage mich immer, hat die Person etwas zu sagen, was mich mit 14 oder 15 interessiert hätte?

 

Ich nenne es „provozieren auf sanfte Art“.


Reina Maria Nerlich: Natürlich sind sie nicht zwei Jahre lang jede Woche total motiviert. Zu Beginn sind sie neugierig und interessiert. Da kommen junge Leute, die ganz andere Unterrichtsformate kennen. Daher läuft es am Anfang meistens sehr gut. Dann kommt die Phase des Grenzentestens, weil es ein neuer Rahmen und neues Format für die Schülerinnen und Schüler ist. Auch in meinen eigenen Gruppen war es so. Ich hatte eine recht schwierige Phase, wo vieles nicht geklappt hat.

Was genau hat nicht geklappt?

Reina Maria Nerlich: Themen wurden nicht angenommen oder ich bereitete abgesprochene Themen vor und nächste Woche hatten die Kids gar kein Interesse mehr. Oder sie versuchen, den anderen Rahmen auszunutzen und initiieren Machtkämpfe. Natürlich zeigen wir Grenzen auf, aber auf wertschätzende Weise. Und wir machen immer wieder ehrlich gemeinte Angebote. Ganz oft geht es darum, zu zeigen, dass wir auch in schwierigen Phasen für die Kids da sind und ein ernsthaftes Interesse an ihnen haben. Dass sich vieles erst später auflöst, ist natürlich in der aktiven Arbeit manchmal schwer vorauszusehen.

Das klingt sehr nach klassischer Sozialarbeit. Verstehen sich als Sozialarbeiter?

Hassan Asfour: Nein, wir sind politische Bildner. Wir versuchen im Kern, die Kinder in Mündigkeit, Urteils- und Handlungsfähigkeit fit zu machen. Die Kinder und Jugendliche nehmen ihre eigene Situation oft nicht positiv war. Einige nennen ihre Schule: „EDEKA - Ende der Karriere“ und wissen, was mit ihnen passiert, wenn sie auf eine solche Schule kommen. Das zu hören zerreißt einen. Und dann arbeiten wir darauf hin, aus dieser Haltung rauszukommen. Wir wollen eine Brücke schlagen von der eigenen Lebenswelt, hin zu Zukunftsperspektiven und der Motivation, selbst aktiv zu werden.

Eine Dialogmoderatorin sagte : „Wir leisten Detektivarbeit“. Wie ist das gemeint?

Reina Maria Nerlich: Die Jugendlichen geben in den seltensten Fällen konkrete Themen vor, sondern sie erzählen Geschichten: „Der Film im Kino hat mich total umgehauen.“ Wir bohren dann nach und versuchen die Themen, die darunter liegen, zu finden und sie heraus zu kristallisieren. Das ist unsere Detektivarbeit. Oft sind Themen auch so präsent, dass ein Aufspüren gar nicht mehr notwendig ist. Unser Ansatz ist, dass wir ausgehend von den „abgelauschten“ Themen, politische Bildung machen. Wir greifen auf, was von den Kids kommt und meine Aufgabe als Dialogmoderatorin ist es dann, den gesellschaftspolitischen Ansatz reinzubringen. Das machen wir transparent, um die Kids auf den Weg hin zum Politischen mitzunehmen.

Dialog macht Schule in der Strukturentwicklung zum bundeszentralen Träger

Das 2013 aus einem Modellprojekt entstandene Sozialunternehmen Dialog macht Schule entwickelt Workshops und pädagogische Konzepte im Bereich der Demokratie- und interkulturellen Bildung. Zwei Jahre lang gehen Dialogmoderatorinnen und Dialogmoderatoren an Schulen in sozial-räumlich schwieriger Lage. Dort unterstützen sie die Entwicklung sozialer und demokratischer Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern, um ihnen eine stärkere gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Seit 2015 ist Dialog macht Schule in der Förderung der Strukturentwicklung zum bundeszentralen Träger des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, um eine bundesweit tätige Infrastruktur zu fördern, die fachliche Unterstützung durch Expertinnen und Experten ermöglicht und erfolgreiche Arbeitsansätze weiterentwickelt. Im Rahmen eines kontinuierlichen Dialogs und Kooperation tragen die bundeszentralen Träger dazu bei, die thematischen Schwerpunkte des Programms weiterzuentwickeln und neue, aktuelle Herausforderungen zu identifizieren und zu bearbeiten.