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Vielfalt in der Kita

Besonders in der Zeit zwischen Geburt und Einschulung werden die Weichen für das spätere Leben gestellt. Die frühkindliche Bildung hat deshalb in den letzten Jahren viel Beachtung erfahren. Warum Diversität und Beteiligung auch im Kindesalter schon relevant sind.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Couragiert-Magazin. Nähere Informationen finden Sie unter www.couragiert-magazin.de.

Bildnachweis: Benjamin Jenak
Bildnachweis: Benjamin Jenak

Kinderlachen hallt durch die langen Flure und zwischendurch immer wieder dumpfes Getrampel. Die Jüngsten sausen mit dem Puppenwagen vornweg über den Gang. Andernorts wird die Holzeisenbahn über die zusammengesteckten Schienen geschoben, während der nächste in einem Meer aus bunten Bällen tobt. Der Lautstärkepegel ist dementsprechend hoch – es geht lebhaft zu in der Saarbrücker Kindertagesstätte. Zum ockerfarbenen Viergeschossener, weit im Westen der Stadt gelegen, gehört außerdem ein weitläufiger begrünter Außenbereich. Auch eine eigene Turnhalle gibt es. Die großen Glasfenster sorgen für angenehm helle und lichtdurchflutete Räume, in denen sich die Kleinen sichtlich wohlfühlen. Der Alltag folgt keinem strikten Muster, das heißt, die Kinder entscheiden selbst, worauf sie Lust haben. „Alle Angebote stehen allen offen“, verdeutlicht die Kita-Leiterin Katja Roos.

Hier in Burbach leben insgesamt knapp 15 000 Menschen. Das Viertel gilt als Kulminationspunkt des Strukturwandels und ist schon länger von sozialen Problemen wie hoher Arbeitslosigkeit betroffen. „Sozialraum mit Unterstützungsbedarf“ heißt das im Fachjargon. Es gebe viele junge, alleinerziehende Mütter, die bei der Erziehung des Nachwuchses auf pädagogische Hilfe angewiesen seien, sagt Katja Roos. Ihre Integrative Kita im Theresienheim ist daher eine vielbesuchte Anlaufstelle. Ganze 30 Plätze gibt es – wochentags zwischen 7 und 17 Uhr kümmern sich mehr als ein Dutzend Angestellte um die Belange der altersgemischten Gruppen von null bis sechs Jahren, häufig auch ganz individuell.

Integration ist für die Kita nicht nur namensgebend, sondern Teil des Selbstverständnisses. Unter den Heranwachsenden gibt es auch Kinder mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen. Das sei heutzutage noch immer nicht selbstverständlich, weiß Katja Roos. Seit einem Jahr nehmen sie und ihr Team am Modellprojekt „Kita differenzsensibel“ teil, das vom Institut FITT, einer gemeinnützigen GmbH der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, umgesetzt und vom Programm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ gefördert wird. Die Kita in Burbach ist eine von gleich sechs Einrichtungen, die die Pädagoginnen des Instituts begleiten. Die Bildungsforschung hat länger schon eine bestimmte Lebensphase im Visier: die Zeit von der Geburt bis zur Einschulung.

Um diesem Bedarf gerecht zu werden, arbeiten drei ausgebildete Pädagoginnen im Modellprojekt – Natalie Papke-Hirsch und Sigrid Selzer sind zwei von ihnen. An ihrer Seite haben sie den Soziologen Dieter Filsinger und die Erziehungswissenschaftlerin Iris Ruppin, die das Vorhaben wissenschaftlich begleiten. „Diversität im Kindergarten beginnt bei den Buntstiften und Kinderbüchern“, fasst Selzer zusammen, die auch an der Hochschule lehrt. Manchmal geschehe Ausgrenzung ganz subtil oder auch ungewollt, „wenn zum Beispiel nur Hellbeige als ‚Hautfarbe‘ gekennzeichnet wird“. Selzer greift währenddessen nach einer Packung Buntstifte. Um die zwölf Euro kosten „die zwölf häufigsten Hauttöne“, wie der deutsche Anbieter verspricht. Was lange Zeit Schweinchenrosa war, ist heute viel differenzierter. Wie ernst es damit tatsächlich ist, zeigen Fälle, die Selzer beschreibt: In denen hätten Kinder versucht, sich ihre Haut abzuwaschen, weil sie beispielsweise aus Abbildungen nur weiß kannten.

Geschlechterrollen in Kinderspielzeug

Bücher, Malstifte oder Spielzeug schaffen also wesentliche Zugänge, um Kinder mit gesellschaftlichen Fragen in Kontakt zu bringen. „Playmobil scheint da deutlich weiter zu sein als Lego“, befand Sigrid Selzer nach einer ersten Recherche. Das deutsche Unternehmen, das vor Jahrzehnten mit den immer lächelnden Kunststoffspielfiguren bekannt wurde, ist zumindest bemüht, gesellschaftliche Realitäten abzubilden. Immerhin wirbt die Firma seit Jahren mit dem Anspruch, dass sie die Wirklichkeit eins zu eins nachzubilden versucht. Figuren mit dunkler Hautfarbe oder solche, die im Rollstuhl sitzen, sind mindestens genauso rar wie männliche Abbilder, die einen Kinderwagen vor sich herschieben. „Die Kinder müssen sich wiederfinden“, fasst Selzer zusammen, „ansonsten bleibt es unvollständig.“

Doch Klischees halten sich selbst in Kinderbüchern hartnäckig. Zusammengefasst heißt das: Zartes für Mädchen, Hartes für Jungs. Inzwischen gibt es vielmals geteilte Kinderbuchregale: Frauen kümmern sich um Ernährung, Pflege und Haushalt und Mädchen treten passiv in Erscheinung – so die Botschaft. Dagegen sind so gut wie alle beeindruckenden, noblen und aufregenden Zuschreibungen Jungen und Männern vorbehalten. „Normal ist“, kritisiert die Erziehungswissenschaft, „wenn Papa arbeitet und Mama kocht.“ Während es zu all den Bürgermeistern, Polizisten, Feuerwehrmännern, Bauarbeitern oder Malern nur in Ausnahmefällen eine weibliche Entsprechung zu geben scheint, fehlt es bei den vielen Supermarktverkäuferinnen oder Erzieherinnen komplett an einem männlichen Pendant.

Bildnachweis: Benjamin Jenak
Bildnachweis: Benjamin Jenak

Nicht anders ist es bei Spielwaren, die genauso häufig Geschlechterklischees oder klare Rollenbilder transportieren. Während die Jungen auf Expedition in der Arktis Schätze heben, kaufen die Mädchen in ihrem Tante-Emma-Laden ein und machen sich mit einem riesigem pinken Lippenstift hübsch. Im Spielzeugladen waren die Rollen nie so klar verteilt wie heute, mahnt die Pädagogik. Dort gibt es eine rosa Welt für Mädchen, voller Puppen, Plüschtieren mit riesigen Augen und grazilem Wesen. Auf der anderen Seite die Jungenwelt mit Burganlagen, Actionfiguren, Piratenschiffen oder Rennautos. „Für die Marktforschung ist es ein interessantes Feld, den Verkauf anzuheizen, indem man Stereotype bedient und damit bestimmte Erwartungen zum einen erzeugt, zum anderen aber auch erfüllt“, sagt die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Barbara Scholand.

Andere sehen sogar einen Rückfall in veraltete Rollenbilder. Spielzeug-Klassiker, die über lange Zeit hinweg geschlechtsneutral waren, werden heute in pink oder speziell für Mädchen angeboten: Lego-Prinzessinnen-Kutschen, rosa Bobby-Cars und die Monopoly-Edition „Boutique“. Die Wissenschaft macht sich deshalb Sorgen, mit welchen Eigenschaften und Rollenbildern diese Farben behaftet sind. Und nach schwarzen Spielzeugfiguren befragt, zuckt der örtliche Handel, teils peinlich berührt, mit den Schultern. Manche holten Klischee-Figuren aus dem Regal – einen Krieger mit Lendenschurz und Knochen in der Nase. Homosexuelle Paare oder Familienbilder, die nicht dem von Mutter, Vater, Kind entsprechen, kommen dort ebenso wenig vor.

Erwachsenenwelt als kindliches Vorbild

Zur Antwort auf die Frage, wie sich Diskriminierung eigentlich im Kindesalter äußert, könne selbst die Wissenschaft bislang wenig beitragen, erklärt Projektmitarbeiterin Sigrid Selzer, „aber wir gehen davon aus, dass sich Vorurteile  ziemlich zeitig herausbilden. Kinder haben oft schon recht früh eine Vorstellung von Geschlecht und davon, welche Charakteristika in der Gesellschaft damit verbunden werden – was es also bedeutet, ein Mann oder eine Frau zu sein. Sie orientieren sich häufig am Verhalten der Erwachsenen." Diskriminierung habe letztendlich immer mit Unterschieden zu tun, die eine Wertung erfahren – Sprache etwa, Aussehen oder Verhalten. Selbst die Kinder würden die Erfahrung machen, dass die deutsche Sprache eher wertgeschätzt werde als andere, so Selzer.

In der Burbacher Kita gibt es derweil schon erste sichtbare Veränderungen, auch wenn die Skepsis am Anfang in allen Einrichtungen groß war, wie Selzer erzählt. Die Arbeitsbelastung in den Kitas sei immens. „Die wohl größte Herausforderung ist die Ressource Zeit, es herrscht Fachkräftemangel und die Einrichtungen sind oft unterpersonalisiert“, meint Selzers Kollegin Natalie Papke-Hirsch. Deshalb ist es durchaus schwierig, freie Zeiten für die Fortbildungen zu finden. Das Modellprojekt bietet den Kitas Seminare und Trainings zu unterschiedlichen Fragestellungen an: Heterogenität, Partizipation und Diskriminierung. Diese werden meistens individuell vereinbart, finden häufig am Wochenende statt oder in den späten Nachmittagsstunden, wenn die Kitas geschlossen sind. Katja Roos und ihr Team haben allein im letzten halben Jahr an zwei Seminaren des Modellprojektes teilgenommen. In alltagsnahen Übungen bekommt das Kita-Personal die Gelegenheit, sich selbst zu reflektieren und eigene Bilder zu hinterfragen. Nun ist das faktische Wissen das eine, das Anwenden in der Praxis das andere. Deshalb wurde während den letzten Teamsitzungen viel diskutiert und geplant, um das neue Wissen rund um Fragen gesellschaftlicher Diversität auch im Alltag zu nutzen.

Stolz ist Katja Roos auf die Familienwand, die im langen Flur ausgestellt ist. Dort stellen sich die Eltern in Form eines kurzen, selbst gestalteten Fragebogens vor, um die Unterschiedlichkeit zu zeigen und Kontakte zu schaffen. Natalie Papke-Hirsch und Sigrid Selzer wollten in den Seminaren auch ein Verständnis dafür schaffen, dass es nicht nur vielfältige Familienformen gibt, sondern auch ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was Familie heißt oder was es bedeutet, ein guter Vater oder eine gute Mutter zu sein. Zu Beginn des Jahres haben sie daher intensive Diskussionen geführt, um ein Bild von den unterschiedlichen Erwartungen zu bekommen. Während die Auswertung noch läuft, habe sich aber bereits herauskristallisiert, dass der Blick der Eltern sehr auf das Kind zentriert ist – das Kind als Individuum steht im Mittelpunkt, während der Kollektivgedanke dagegen relativ selten benannt wurde. Auch unter dem Stichwort Bildung gebe es abweichende Meinungen, unter den Eltern selbst oder zwischen Eltern und Fachkräften. Übrig bleibt für die Projektmitarbeiterinnen nun die Aufgabe, diese unterschiedlichen Bedürfnisse und Wünsche in den Seminaren zu berücksichtigen.

Wenn sich Abläufe in der Kita ändern

Für September ist bereits das nächste Seminar in Saarbrücken geplant – Thema: Partizipation. Die Pädagoginnen und Pädagogen wollen sich dabei die Frage stellen, was es eigentlich heißt, Eltern und Kinder zu beteiligen. Es müsse darum gehen, erklärt Papke-Hirsch, mit allen beteiligten Gruppen zu arbeiten, um das Modellprojekt und dessen Ideen zu etablieren. Die Arbeit mit den Familien soll aus einer Mischung aus Beratung, Workshops und Gesprächsrunden bestehen.

Die größten Veränderungen aber gibt es in der kitaeigenen Bibliothek. Das lange weiße Bücherregal ist nach den ersten Seminartagen einmal komplett auf den Kopf gestellt worden und seine Inhalte daraufhin geprüft worden, ob sie womöglich Klischees reproduzieren. Auch ganz neue Bücher sind angeschafft worden: In „König & König“ zeigen Stern Nijland und Linda de Haan die Liebe eines Prinzenpärchens. Matthias Sodtke beschreibt in „Bist du krank, Rolli-Tom“ die Geschichte von Nulli und Priesemut, eines Hasen und eines Froschs, die ihren alten Freund Tom besuchen – er sitzt im Rollstuhl, weil seine Beine nach einem Unfall „schlafen“. Beide wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, bis Tom ihnen sagt, dass sie ihn einfach ganz normal behandeln können. Und Daniela Kulot versucht in ihrem Bildband, mit Reimen und Zeichnungen die gesellschaftliche Diversität abzubilden.

Regelmäßig wird nun das „Buch des Monats“ gekürt, das auch allen vorgestellt wird – morgens vor den Kindern und nachmittags mit den Eltern. Dieses Mal haben sie Maurice Sendaks Klassiker „Wo die wilden Kerle wohnen“ ausgewählt. Es ist die Geschichte vom wilden Max, der von seiner Mutter ohne Essen ins Bett geschickt wird und darauf das Reich der wilden Kerle erobert. Es macht deutlich, wie Kinder mit Gefühlen umgehen – Gefahr, Langeweile, Furcht, Frustration, Eifersucht. In der Bücherkiste liegt es in Deutsch und Französisch. Eine Selbstverständlichkeit für eine Kita, von der es nicht einmal zwei Kilometer bis zur französischen Grenze sind. 2043 soll das Saarland nach dem Willen von CDU und SPD ohnehin komplett zweisprachig werden. Und mit den Büchern hat sich auch die dunkelhäutige Handpuppe verändert, die heute nicht mehr Sumumbi heißt, sondern Inge. „Man muss dazulernen, um sich umzustellen“, resümiert Katja Roos. Es seien häufig nur kleinere Anstöße, die wesentliche Veränderungen mit sich bringen.

Die Kita hat den Veränderungsprozess angenommen, begreift die Anregungen des Modellprojektes auch nicht als kurzfristiges Vorhaben, sondern als „dauerhafte Aufgaben, die sich durch alle Bereiche ziehen müssen“. Die fachliche Unterstützung des Instituts und der unvoreingenommene Blick von außen helfen vor allem dabei, sich weiterzuentwickeln, gibt Katja Roos zu. Am Ende der dreijährigen Projektlaufzeit soll neben den vielen Neuerungen, die bereits angeschoben wurden, auch etwas Bleibendes entstanden sein – ein Passus zur Diversität im Konzeptpapier der Kita zum Beispiel. Das Institut denkt aber auch an daran, Produkte zu entwickeln, die anderen Kitas helfen könnten. Interessenten gibt es auch schon außerhalb der beteiligten Einrichtungen, denn Diversität ist heute nicht mehr nur ein Schlagwort, sondern eine Einstellung, die mit Inhalt gefüllt werden will.

Autor: Tom Waurig