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Mit Geschlechtertabus brechen

Transgender, intersexuell und Queer sind Begriffe, mit denen nur die wenigsten etwas anfangen können. Gerade in traditionsbewussten Familien ist die Ablehnung groß. Deshalb macht sich ein Stuttgarter Projekt für die Vielfalt sexueller Identitäten stark.

Dieser Text ist zuerst auf  www.couragiert-magazin.de erschienen. Die Redaktion begleitet das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ als Medienpartner.

Dr. Jochen Kramer und Olcay Miyanyedi, Bildnachweis: Benjamin Jenak
Dr. Jochen Kramer und Olcay Miyanyedi, Bildnachweis: Benjamin Jenak

Es gibt sie immer noch, gesellschaftliche Fragen, über die nicht ausreichend gesprochen wird. Entweder, weil die Unwissenheit so groß ist, dass sie anderen Angst macht oder weil es sich um Themen handelt, die als „nicht normal“ stigmatisiert werden. So ist die Toleranz gegenüber Homosexuellen und Transsexuellen in den meisten europäischen Ländern längst nicht so groß, wie es den Anschein hat. Der Konformitätsdruck macht einen Diskurs beinahe unmöglich und Diskriminierung ist Alltag – obwohl es inzwischen offen schwule Politiker und ehemalige Fußballnationalspieler genauso gibt wie lesbische TV-Moderatorinnen oder erfolgreiche Transgender-Models.

Sich en détail mit den Lebenswelten sexuell anders orientierter Mitmenschen auseinanderzusetzen, ist für viele nach wie vor ein absolutes No-Go. Die nicht ganz einfach auszusprechende Abkürzung LSBTTIQ umreißt die Debatte vollends. Sie steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queeren Menschen, die gesellschaftliche Gleichstellung einfordern. Allerdings fehlt es häufig an einer politischen Lobby, die sie in diesem Streben unterstützt. Die Türkische Gemeinde in Baden-Württemberg will ihnen nun zu mehr Akzeptanz verhelfen, vor allem Jugendlichen mit Migrationshintergrund, denen ein Outing meist noch schwerer fällt.

Angst vor „Sexualisierung“

„Unter dem Stichwort Inklusion denkt man zuerst an die Zugehörigkeit von Menschen mit und ohne Behinderung“, sagt Projektleiter Olcay Miyanyedi. Aber auch Menschen aus dem LSBTTIQ-Bereich erfahren oft gesellschaftliche Ausgrenzung. Deshalb richtet sich das auf fünf Jahre angelegte Projekt an junge Menschen aus Stuttgart und Umgebung im Alter zwischen 14 und 27 Jahren. Den Ausschlag für das auf den ersten Blick unkonventionelle Projekt gab das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“. Wenn es um Vielfalt und Gleichstellung geht, sind diese Themen mindestens ebenso relevant. Gegen Rassismus anzukämpfen ist jedoch oftmals deutlich einfacher, weil die Bevölkerung fremdenfeindliche Einstellungen stärker ablehnt.

Wie notwendig aber die Thematisierung besonders im Ländle ist, zeigen die anhaltenden Proteste unter dem irreführenden Motto „Demo für alle“. Die mehreren tausend Demonstrierenden richten sich gegen die Pläne der grün-roten Landesregierung, die das Thema sexuelle Vielfalt stärker im Unterricht verankern will. Dadurch soll die Diskriminierung in der Gesellschaft unterbunden werden, so die Pläne des Kabinetts. Die Gegnerschaft befürchtet eine „Sexualisierung“ ihrer Kinder. Ausgegangen waren die seit 2014 stattfindenden Kundgebungen von der CDU-Politikerin Hedwig von Beverfoerde und Beatrix von Storch (AfD). Unterstützt werden sie von kirchlichen Einrichtungen, wie dem Forum deutscher Katholiken oder der Deutschen evangelischen Allianz.

Religion als weitere Hürde

Das eigene Religionsverständnis werde oft zu Rate gezogen, wenn es darum geht, sich einer Diskussion zu entziehen oder ganz zu verweigern, meint Miyanyedi. Deshalb fänden sich unter den Demonstrierenden auch etliche russisch-orthodoxe Familien oder Evangelikale, die in Baden-Württemberg besonders großen Zulauf erlebten. „Es ist davon auszugehen, dass Jugendliche, die aus einem traditionell konservativen Familiengefüge kommen, es schwieriger haben sich zu outen und ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten“, stellt Miyanyedi klar.

Auch in einigen deutschen Familien muslimischen Glaubens sind diese Themen nach wie vor Tabu. Das habe allerdings weniger mit der Religion als solche zu tun, sondern vielmehr mit einer patriarchial geprägten Auslegung, wie es sie auch in anderen Religionen gebe, schränkt der 31-Jährige ein. Folglich gelten ganz andere rote Linien. Erst kürzlich habe sich ein verzweifelter Junge an die Gemeinde gewandt, Mutter aus Marokko, Vater Deutscher. Er wurde ungewollt geoutet. Für die Mutter ein Schock. Sie wollte sich und ihren Sohn töten, schildert der Religionswissenschaftler die komplizierte Situation. Ihr war alles recht, damit ihr Junge wieder „normal“ wird.

Vorstellungen des Mannseins

Miyanyedi hofft in Zukunft auf mehr Sichtbarkeit und Transparenz für andere Lebensmodelle – nicht nur in der gesamten Gesellschaft, sondern auch in den Migrantenselbstorganisationen. Besonders in  türkischstämmigen Familien würden oftmals andere Vorstellungen des Mannseins vertreten, erklärt er. „Ein schwuler Sohn ist oft schlimmer, als eine lesbische Tochter – weil die Frau ohnehin weniger wahrgenommen wird.“ Das habe mit dem patriarchalischen Denken zu tun. Als erstes wollen Miyanyedi und sein Kollege Jochen Kramer mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen, um deren Bedürfnisse und ihre Gefühlslage zu erfragen. Das geschieht zurzeit in Form von Interviews, mit denen sich die Verantwortlichen einen Überblick verschaffen wollen.

Kramer ist 42 und Doktor der Psychologie. Die Situation beschreibt er folgendermaßen: „Viele Jugendliche kommen anfangs ins Grübeln, ob sie der traditionellen Geschlechterrolle entsprechen“. Diese Phase der Selbstfindung, das sogenannte „innere Coming out“, finde oft im Alter zwischen 12 und 13 Jahren statt. In einem Umfeld, das diesen Themen häufig ablehnend gegenübersteht, wird es deutlich schwieriger. „Die Angst entdeckt zu werden, ist sehr groß“, erklärt Kramer. Viele betreiben einen enormen Aufwand, „um einen heterosexuellen Eindruck zu erwecken“. Oft gibt es auch eine Abschottung nach außen.

Ernsthafte Debatte schaffen

Deshalb brauche es den Austausch mit Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Identität ähnliche Erfahrungen gemacht haben, um die eigene Situation besser zu verstehen und einen geschützten Rückzugsort zu haben und sich gegenseitig zu bestärken. Diesen Austausch wollen Kramer und sein Kollege anbieten und noch weiter forcieren. Obendrein sucht Kramer mit dem Modellprojekt „Andrej ist anders und Selma liebt Sandra“ den Kontakt zu den unterschiedlichen Migrantenorganisationen im Stuttgarter Raum – Vorbehalte und Schwierigkeiten stehen auf der Agenda.

Als drittes soll es darum gehen, die Lebenssituation der Jugendlichen zu verbessern. Im besten Fall werden entsprechende Anlaufstellen überall dort installiert, wo Jugendliche sind. Es gehe darum, dass Menschen mit nicht traditionellen Geschlechterrollen sichtbar werden. Deshalb unterstützt der 49-Jährige auch das Vorhaben der Regierung: „Schon im Schulunterricht soll deutlich werden, dass es diese Formen des Zusammenlebens gibt“. Kramer und Miyanyedi hoffen darauf, dass ihr Projekt zu einem tieferen Nachdenken über ein gesellschaftliches Problem führt, das bislang belächelt oder abgetan wird. Nicht nur die Akzeptanz wäre ein Erfolg, sondern allein schon die Möglichkeit, überhaupt ernsthaft darüber zu sprechen.

Autor: Tom Waurig