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Kunst statt abstrakter Theorie

Seit Jahrzehnten schon setzt sich Levi Salomon gegen Antisemitismus ein. Gerade jetzt ist sein Engagement nötiger denn je – das bescheinigen aktuelle Untersuchungen und ein Blick in die Polizeistatistik. Was der Endfünfziger Jugendlichen auf den Weg gibt.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Couragiert-Magazin. Nähere Informationen finden Sie unter www.couragiert-magazin.de.

Bildnachweis: Jüdisches Forum
Bildnachweis: Jüdisches Forum

Sieben Strafanzeigen hat Levi Salomon allein in dieser Woche gestellt: antisemitische Beleidigungen, Volksverhetzung, Schmähungen und Verleumdungen. Und auch wenn die Zahl in diesen Tagen im Sommer besonders hoch ist: Letztlich sind sie Bestandteil des Alltagsgeschäfts für den 58-Jährigen. Salomon ist Geschäftsführer des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus – kurz JDFA – und damit auch mit dem Monitoring antisemitischer Vorfälle und Tendenzen befasst. Täglich werden Aufnahmen ausgewertet, die auf Kundgebungen gefilmt oder fotografiert worden sind.

Doch Salomon bilanziert nicht nur, was ist. Das Forum hat es sich auf die Fahnen geschrieben, so früh wie nur möglich gegen entsprechende Ressentiments vorzugehen. Das Monitoring ist die Basis dafür. 2015 initiierte das heute 14-köpfige Team um Salomon ein Modellprojekt, das vom Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ unterstützt wird. Gemeinsam mit Ilker Dyan, Sprecher des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, und Pfarrer Peter-Michael Utasch besucht Salomon Berliner Schulen, um dort mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen - über Herkunft, Sprache, Religion oder Mentalität. Zweierlei mache das Besondere dieser Konstellation aus, erklärt Salomon: „Zum einen sorgt es regelmäßig für eine gewisse Irritation, wenn ein Muslim, ein Christ und ein Jude zusammen auftreten, um darüber zu sprechen, wie Menschen unterschiedlichen Glaubens und Hintergrund friedlich miteinander leben können“.

Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mit Vorurteilen auseinander, gehen Ressentiments auf den Grund. Den Jugendlichen wird dabei einiges abverlangt – sogar das Abtauchen in die Geschichte des Antisemitismus. Meistens dauern die Workshops drei Tage. Es gehe dabei aber um deutlich mehr als nur einen Gedankenaustausch, fasst Levi Salomon zusammen: „Am Ende steht, wenn alles gut läuft, eine kreative Leistung, individuelle Plakate oder Collagen, die die Jugendlichen selbst präsentieren.“ Letztlich entsteht eine Ausstellung, die der Schule eine dauerhafte Auseinandersetzung ermöglicht. Diese künstlerische Befassung mit einem Thema sei viel nachhaltiger, als nur darüber zu diskutieren.  Deshalb denke man nun auch darüber nach, diesen kreativen Teil künftig noch weiter zu vergrößern – denkbar sei etwa, dass die Teilnehmenden eigene Filme drehen.

Ohnehin könne politische Bildung nur dann gelingen, wenn man sie auch mit der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen verknüpfe, meint Carl Chung – beim Jüdischen Forum zuständig für die inhaltliche Gestaltung der Bildungsprojekte. „Wenn es darum gehen soll, Ausgrenzung tatsächlich zu verstehen, dann muss es für die Schülerinnen und Schüler nachvollziehbar sein. Wenn Ablehnung von Rassismus oder Antisemitismus nur auf einer abstrakten Ebene stattfindet, wird sie keinesfalls nachhaltig sein.“

Diese Arbeit mit jungen Menschen sei erfüllend, rekapituliert Levi Salomon – in den Lernwerkstätten, die während des Projekts „Vorurteile abbauen, antisemitische Ressentiments bekämpfen“ entstehen, gebe es wunderbare Momente, die ihn hoffnungsvoll stimmten. Dennoch: „Es ist frustrierend, dass ich immer wieder das Gefühl bekomme, dass unsere Arbeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Wir erreichen nur so wenige, dabei ist der Bedarf riesig“. Mit elf Schulen aus ganz Deutschland habe das Forum im vergangenen Jahr gearbeitet, am liebsten aber wolle Salomon alle erreichen. Und dort auch nicht nur die Jugendlichen allein. „Wir sind immer wieder überrascht darüber, wie wenig Wissen über den Antisemitismus auch bei Lehrkräften vorhanden ist. Wenn wir an den Schulen über jüdische Opfer von antisemitischen Angriffen sprechen, dann werden die Auseinandersetzungen viel zu schnell als interkulturelle oder interreligiöse Konflikte abgetan. Aber das sind sie meistens gar nicht.“ Insgesamt brauche es mehr Handlungsfertigkeiten, um den demokratischen Konsens zu verteidigen. Das Jüdische Forum will dabei helfen, diese zu entwickeln.

Der Antisemitismus bleibt ein Problem

Dass diese Aufgabe dringender denn je ist, davon ist Salomon überzeugt. Mit dem Antisemitismus beschäftige er sich schon sein gesamtes Leben, erzählt er bei einem Treffen in seinem Büro in Berlin-Weißensee. Der sei nie wirklich weggewesen, nur manchmal weniger manifest. Aktuell aber müsse man zu einem bestürzenden Fazit kommen: „Die Judenfeindlichkeit ist wieder salonfähig geworden“. Früher habe es noch den klassischen Antisemitismus von Rechtsaußen gegeben und die Holocaust-Leugnung von irrlichternden Figuren wie etwa Horst Mahler, von denen die meisten Intellektuellen aber abgestoßen gewesen seien. Heute würden Schmähungen aber ganz offen geäußert, vor allem im Internet. Schon lange gelte das Wort Jude auf Berliner Schulhöfen als Beleidigung, meint Salomon.

Sein Großvater hat Salomon vor vielen Jahren eine Warnung mit auf den Weg gegeben. „Du darfst in der Öffentlichkeit niemals zeigen, dass du Jude bist.“ Dass der Satz auch heute noch gelte, sehe man an vielen Beispielen, darauf weist Salomon wieder und wieder in Interviews und Gesprächen hin – die antisemitischen Beleidigungen eines Schülers an einer Friedenauer Gemeinschaftsschule, die Anfang April ein breites Medienecho gefunden haben, seien bei weitem keine Ausnahme. Sie seien für viele Jüdinnen und Juden in Deutschland bittere Realität, über die aber nur in Ausnahmefällen in dieser Dimension berichtet und die auch allzu häufig nicht wirklich strafrechtlich verfolgt werde. Dennoch sei der Antisemitismus in steigendem Maße da. Auch deshalb findet sich die Büro-Anschrift des Jüdischen Forums auf keiner Internetseite, man erfährt sie nur auf Anfrage, wenn man einen Termin mit Salomon vereinbart hat.

All das könnte Menschen verbittern oder aber sie – wie im Fall Salomon – anspornen. Denn der im aserbaidschanischen Baku geborene Kulturwissenschaftler und Regisseur, der früher als Übersetzer für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und als Dozent gearbeitet hat, kämpft beharrlich weiter. Als erster Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin von 2008 bis 2011 sei es ihm gemeinsam mit engen Vertrauten gelungen, die Bundesregierung zur Einsetzung einer Antisemitismus-Kommission zu bewegen, erzählt Salomon. Das Expertengremium legte im Januar 2012 einen ersten Bericht vor, der mit Blick auf „die einschlägigen Umfragen“ zusammenfasst, dass es bei ungefähr 20 Prozent der deutschen Bevölkerung einen latenten Antisemitismus gebe. Besonders gefährlich sei „die Anschlussfähigkeit des bis weit in die gesellschaftliche Mitte reichenden und nicht hinreichend geächteten Antisemitismus für rechtsextremistisches Gedankengut“, hieß es darin weiter.

Fünf Jahre ist dieser Befund nun her – und gerade erst hat eine zweite Kommission, der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus der Bundesregierung, dem Bundestag einen zweiten Bericht vorgelegt. Die neue Diagnose ist nicht wirklich besser: Viele jüdische Menschen in Deutschland fühlten sich aktuell bedroht, fasst der Bericht zusammen. Sie seien durch alltägliche antisemitische Erfahrungen besorgt um ihre Sicherheit. Hassbotschaften und Hetze im Internet würden verunsichern. Gleichzeitig sei der Zuzug vieler Geflüchteter, unter denen es auch antisemitische Überzeugungen gebe, für viele ein Grund zur Besorgnis – auch wenn die größere Gefahr weiterhin von rechtsextremen Gruppen ausgehe. Während der klassische Antisemitismus, das heißt, religiös oder rassistisch begründete Judenfeindlichkeit, eher zurückgehe, wachse der Antisemitismus, der sich besonders über die Kritik am israelischen Staat manifestiere.

Es fehle in großen Teilen der Bevölkerung die Einsicht, „dass Antisemitismus ein aktuelles Problem ist“, sagte der Koordinator des Unabhängigen Expertenkreises und Leiter des Anne Frank Zentrums, Patrick Siegele, bei der Präsentation des Berichts im April. Dass auch die Politik das Thema auf der Agenda hat, bestätigen nicht nur die Aktivitäten des Programms „Demokratie leben!“, sondern auch die Abgeordneten des Bundestages bei einer Debatte um den Expertenbericht. Sie stimmten der Aussage des parlamentarischen Staatssekretärs im Innenministerium Günter Krings zu, der Kampf gegen den Antisemitismus sei eine „Selbstverständlichkeit“ und gehöre demzufolge ohne Zweifel zur „Staatsräson der Bundesrepublik“.

Autorin: Susanne Kailitz