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Judenhass: Eine verkrampfte Debatte

71 Jahre nach Kriegsende ist der Antisemitismus längst nicht verschwunden. Vorurteile werden heutzutage oft subtiler transportiert, Anfeindungen und Übergriffe bleiben allgegenwärtig. In Dresden und Berlin sucht man die Auseinandersetzung.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Couragiert-Magazin. Nähere Informationen finden Sie unter www.couragiert-magazin.de.

Portrait Marina Chernivsky, Bildnachweis: Peter van Heesen
Marina Chernivsky, Bildnachweis: Peter van Heesen

Sie schnauft erst einmal tief durch. Der Bürotag von Marina Chernivsky war reichlich zäh, wie die junge Frau zugibt. Die Profession, der sie nachgeht, ist nicht nur besonders aufwühlend, sondern betrifft sie auch ganz persönlich. Deutschland hat noch immer ein Antisemitismusproblem. So wird auf den Schulhöfen oder in den Fußballstadien dieser Republik das Wort „Jude“ als Schimpfwort benutzt. Israelis werden auf offener Straße angegriffen und Synagogen sind Anschlagsziel. Das größte jüdische Gotteshaus Berlins ist in den letzten zwei Jahrzehnten unversehrt geblieben. Es liegt im Stadtteil Prenzlauer Berg, dessen Image Studierende, Kulturinitiativen und Literaten prägen.

Für Chernivsky ist der ziegelrote Bau fußläufig zu erreichen. Es ist ein persönlicher Rückzugsort mit spiritueller Ausstrahlung. Geboren wurde sie in Lemberg, dem heutigen Lviv. 1990 wanderte sie mit ihrer Familie nach Israel aus. Das Psychologie-Studium führte sie schließlich nach Deutschland. „Ich lebe zwischen den Welten, habe eine starke emotionale Bindung zu Israel und bin gleichzeitig in Berlin zuhause“, stellt Chernivsky klar. Schon 2002 begann sie für die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland zu arbeiten – kurz: ZWST. Neben Diakonie oder Caritas ist sie eine von sechs Wohlfahrtsverbänden, zuständig für die Belange der Religionsgemeinschaft hierzulande.

„Der Verband setzt viele soziale Projekte um, aber auch bildungspolitische Programme im Präventionsbereich.“ Die Adressatinnen und Adressaten sind Schulen, Verwaltungsangestellte und die Jugendsozialarbeit. Ihnen geht es vor allem eine kontinuierliche Begleitung. Um die Teilnehmenden zu sensibilisieren, brauche es besonders eins: Zeit. „Antisemitismus widerspricht dem positiven Selbstbild einer Gesellschaft und wird deshalb oft reflexartig abgewehrt“, meint Chernivsky. Die derzeitige politische Lage hole die schwelenden Konflikte an die Oberfläche. „Die Fremdmachung bestimmter Gruppen und ihre Etikettierung war schon immer offensichtlich, allerdings nicht für alle erkennbar.“

Antisemitismus ist komplex

Mit der Unterstützung des Bundesprogramms „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ entsteht nun ein neues Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment. Damit soll nicht nur die bisherige Bildungsarbeit auf solide Füße gestellt, sondern entsprechend auf die jüdische Gemeinschaft ausgeweitet werden. In den letzten Jahren sei diese weiter gewachsen. Viele von ihnen haben ganz eigene Erfahrungen mit Diskriminierung oder Ausgrenzung gemacht. Sie sollen ermutigt werden, selbst ihre Stimme zu erheben oder sich noch mehr politisch einzubringen, erklärt die Leiterin ihre herausfordernde Idee. Ihr Credo: „Jene, die davon betroffen sind, dürfen auch selbst aktiv werden“. Empowerment heißt es neudeutsch.

Chernivsky will jüdische Fachkräfte qualifizieren, mit Sachwissen und pädagogischer Kompetenz. „Ich hoffe, dass wir im Umgang mit Antisemitismus sichtbarer werden, noch selbstbestimmter handeln und die Themen beherrschen“. Ein ähnliches Ziel verfolgt sie mit den zivilgesellschaftlich Engagierten, die sich bislang noch gegen andere menschenfeindliche Phänomene einsetzen. Außerdem finden Konferenzen statt, um eigene Erkenntnisse in den Fachdiskurs einzubringen und sich auszutauschen. „Ein selbstbewusstes Zentrum, das eigenverantwortlich agiert“, lautet das Vorhaben für die nächsten drei Jahre. Bis dahin läuft die Förderung erst einmal.

„Wenn es uns nicht gelingt, den Antisemitismus in seiner Komplexität zu durchdringen, haben wir nur einen eingeschränkten Blick auf Anschläge auf Synagogen oder Demonstrationen, auf denen Rufe wie ‚Juden in Gas‘ skandiert werden“, verdeutlicht Chernivsky den Sinn des neuen Zentrums. Fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dort bereits beschäftigt. „Ich will einen radikalen Paradigmenwechsel in unserem Bewusstsein und Handeln“, verdeutlicht die Psychologin.

Holocaust prägt die Debatte

Neben den öffentlich sichtbaren Anfeindungen, gebe es nämlich auch ganz subtile, alltägliche Konfrontationen. „Ich hoffe, ich übertreibe nicht“, fügt die 40-Jährige an. Die Auseinandersetzung habe in Deutschland ohnehin eine ganz eigene Richtung eingeschlagen. „Sehr verkrampft“, schlussfolgert sie. Das habe besonders mit dem nationalsozialistischen Erbe zu tun: „Die Folgen des Holocaust, die bis heute nachwirken und Einstellungen prägen, müssen künftig mehr zum Gegenstand der pädagogischen Arbeit werden.“

Chernivsky versucht am deutschen Fremdheitsverständnis zu arbeiten, damit die Bundesrepublik tatsächlich zu einer Migrationsgesellschaft werde. Auf die Frage, ob das mit dem Aufkommen von Pegida nicht noch schwieriger geworden sei, erwidert sie: „Ich glaube wir sind in keinem guten Zustand momentan. Unruhige Zeiten“. Deswegen, mahnt Chernivsky mit verschränkten Armen, dürfe Angst und Verunsicherung nicht zur Rechtfertigung für Menschenhass werden. 200 Kilometer weiter südlich kann man sehr genau nachvollziehen, was gemeint ist. Inzwischen gilt Pegida, die Woche um Woche durch die Stadt marschiert, als „Dresdner Phänomen“.

Die Bewegung ist nicht nur islamfeindlich, sondern oft auch antisemitisch – trotz anderslautender Bekundungen. Dass sie für sich die vermeintliche Tradition des christlich-jüdischen Abendlandes in Anspruch nimmt, dürfe nicht über die eigentliche Ideologie hinwegtäuschen, mahnen jene, die das montägliche Treiben beobachten. Unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen sind seit langem damit befasst, an den Ursachen zu arbeiten – so auch der Verein „Hatikva“, hebräisch für Hoffnung.

Portrait Stefan Schwarz, Bildnachweis: Benjamin Jenak
Stefan Schwarz, Bildnachweis: Benjamin Jenak

Die Vereinsräume im Szeneviertel Neustadt sind Anlaufstelle der Dresdner Bevölkerung, die sich für die jüdische Kultur interessieren oder um die Verbreitung judenfeindlicher Stereotypen sorgen – darunter Ehrenamtliche, Alte, Junge, Familien. Ein detailliertes Archiv und eine Bibliothek befindet sich gleich nebenan. Die gläserne Fensterfront öffnet den Blick auf den jüdischen Friedhof, der gleich nebenan liegt. In dieser bedeutungsvollen Umgebung arbeitet Stefan Schwarz. Der 34-Jährige leitet das Projekt mit dem provozierenden Titel „Schlussstrich, Weltbank, Israel“.

Selbstständige Intervention

Sein Ziel ist es, Module zu entwickeln, die in der Bildungsarbeit eingesetzt werden können und der Auseinandersetzung mit aktuellen Formen des Antisemitismus taugen. „Es soll handlich und umsetzbar sein“, erzählt Schwarz. 45 Minuten dauert eine Einheit. Inhaltlich geht es unter anderem um Kapitalismuskritik und Israelhass. Es sollen bei Parolen oder Vorurteilen antisemitischen Ursprungs nicht erst Aktionstage aus dem Boden gestampft werden. Die Lehrkräfte können mit Hilfe eines Baukastens ad hoc eingreifen. Gefördert wird das Projekt ebenfalls durch „Demokratie leben!“.

Der Vorteil dieser pädagogischen Alternative ist, dass es folglich keine externen Fachleute braucht, um die Schulen mit genügend Information zu versorgen. Das Material steht zudem online zur Verfügung. Antisemitismus in der Sprache, die Schlussstrichdebatte um die deutsche Schuld am Holocaust und Israelkritik thematisieren die schon fertiggestellten Module.

Erprobt wird das Modell bereits an drei sächsischen Schulen. In den nächsten Monaten sollen weitere Schwerpunkte entstehen. Es bedarf allerdings viel Arbeit, bevor ein Modul tatsächlich zum Einsatz kommt. „Über alle Fragen lässt sich tagelang diskutieren. Ob es dennoch gelungen ist, sie in kurze Abschnitte zu bringen, werden die laufenden Themen zeigen“, erklärt Schwarz. Im Moment gehe es darum, noch mehr Pädagoginnen und Pädagogen zu gewinnen, die sich in das Projekt einzubringen und die Module nutzen – auch außerhalb der Schule.

„Aktuelle Formen Antisemitismus prägen oft das Bild ‚die da oben, wir hier unten‘“, meint Schwarz. Dieses Gefühl bringt die Anhängerschaft der allwöchentlichen Pegida-Aufzüge in Worten zum Ausdruck. Dort werde inzwischen nicht nur „Lügenpresse“, sondern auch „Judenpresse“ skandiert. Mit dem Populismus, den nicht nur die fremdenfeindliche Bewegung vertritt, sinke die Hemmschwelle gegenüber ähnlich lautenden Parolen oder gar zur Gewalt. Was man dagegen tun könne? Schwarz hält inne und verweist darauf, dass Aufklärungsarbeit noch stärker in die Schulen gehört. Hatikva möchte mit seinem Projekt die Diskussion anstoßen und zur Meinungsbildung anregen – möglichst ohne den erhobenen Zeigefinger.

Autorin: Juliane Staretzek