Zum Inhalt springen Zum Hauptmenü springen Zum Servicemenü springen

Forschung im Bundesprogramm: Neue Erkenntnisse zu Hinwendungs- und Radikalisierungsprozessen im Themenfeld „gewaltorientierter Islamismus“

26.10.2017

Wie und warum werden Jugendliche zu gewaltbereiten Islamisten? Mit diesen Fragen haben sich drei renommierte Forschungsinstitute zwei Jahre lang aus drei unterschiedlichen disziplinären Perspektiven beschäftigt. Das Ergebnis: Radikalisierungsprozesse sind sehr komplex und individuell und  soziale Faktoren spielen vor allem in der Anfangsphase eine eher größere Rolle als ideologische Gründe. Mit ihrer Forschung unterfüttern und präzisieren die Forscherinnen und Forscher bereits vorhandene praxisgestützte Annahmen über die Ursachen und Dynamiken jugendlicher Hinwendungsprozesse zum gewaltorientierten Islamismus. Sie liefern damit eine wissenschaftliche Grundlage für die Weiterentwicklung der pädagogischen Präventionsarbeit.

Trotz unterschiedlicher Vorgehensweisen disziplinärer Perspektiven kommen die drei Forschungsprojekte aus dem Bielefelder Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, aus dem Deutschen Jugendinstitut aus Halle und dem Institut für Islamische Theologie aus Osnabrück zu sehr ähnlichen Resultaten: Die Hinwendung zum gewaltorientierten Islamismus erfüllt vor allem soziale Bedürfnisse und erst diese bewirken eine engere Bindung an das radikale Umfeld und dessen Islamauslegung. Anders als vielfach angenommen stehen ideologische Motive dabei zunächst nicht im Zentrum. Als bedeutsam erweisen sich dagegen Dynamiken und Herausforderungen, die typisch für die Jugendphase sind.

Unabhängig voneinander haben die Gruppen aus Bielefeld und Halle herausgefunden, dass das – vor allem in der Jugend ausgeprägte – Bedürfnis, sich neu zu erfinden, aber auch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder nach einem Statusgewinn in Folge fehlender Wertschätzung im Alltag wichtige Auslöser für Hinwendungs- und Radikalisierungsprozesse sind. Der Wunsch nach einem Neustart beispielsweise beschwört eine radikale Abkehr vom vorherigen familiären oder auch kleinkriminellen Umfeld herauf und ermöglicht es, eine neue Erzählung über sich zu gestalten. Oft wird dieses neue Selbstbild, insbesondere die Abkehr von (Klein-)Kriminalität und Drogen, vom Umfeld zunächst als eine positive Entwicklung wahrgenommen.

Dem Wunsch nach Statusgewinn kann die Hinwendung zum gewaltorientierten Islamismus auf verschiedene Weisen gerecht werden. Zum einen – so das Deutsche Jugendinstitut - wird die islamistische Islamauslegung auch als ein alternativer Bildungsweg verfolgt, wobei religiöse Praxis als Bildung interpretiert wird. Zum anderen – zu diesem Schluss kommt die Bielefelder Gruppe – können die Radikalisierten in idealtypische Rollen schlüpfen, in denen sie Wertschätzung erfahren: die Onlineaktivistenrolle, die die Verbreitung von Propaganda vorsieht, die Kriegerrolle, die Kampfhandlungen im Ausland beinhaltet und die Terroristenrolle, bei der im Extremfall Anschläge im Inland verübt werden.

Die sehr individuellen Hinwendungs- und Radikalisierungsprozesse erfolgen jedoch nicht isoliert vom sozialen Umfeld. Spezifische lokale Verhältnisse können die ideologische Radikalisierung ganzer Jugendgruppencliquen befördern. Dies wurde anhand des sozialräumlichen Ansatzes  der Osnabrücker Forschungsgruppe herausgearbeitet, die einen seit Generationen marginalisierten Stadtteil untersucht hat. Nicht zuletzt aufgrund sozialer Perspektivlosigkeit, mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten und fehlender Gestaltungs- und Teilhabemöglichkeiten im untersuchten Stadtteil, hatten sich unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund starke Ressentiments gegenüber der „Mehrheitsgesellschaft“ herausgebildet. Diese trafen auf Gemeinschaftsstrukturen, bei denen Jugendliche feste Peergruppen in der unmittelbaren Nachbarschaft bilden. In Kombination unterstützten diese Merkmale die Radikalisierung der gesamten Gruppe.

Aus diesen Erkenntnissen lassen sich bereits einige Anknüpfungspunkte für die Präventionsarbeit folgern. In marginalisierten und sozial benachteiligten Stadtteilen braucht es starke, demokratisch orientierte und für Jugendliche zugängliche Organisationen und Einzelakteure, die Jugendlichen reale Perspektiven aufzeigen, die persönliche Entwicklung unterstützen und Gestaltungsräume und -möglichkeiten eröffnen. Es geht darum, auf diese Weise demokratische Teilhabe „erfahrbar“ zu machen, um so auch den Ressentiments gegenüber der Gesellschaft, in der die Jugendlichen sozialisiert sind, entgegenwirken zu können. Die Forschungsgruppe aus Halle verweist zudem auf die Bedeutung von Bezugspersonen für die Präventions- und Distanzierungsarbeit (Deradikalisierung). Da  Radikalisierungsprozesse nicht linear und ohne Unterbrechungen verlaufen, gibt es immer wieder Eingriffsmomente für familiäre und andere soziale Bezugspersonen der Jugendlichen. Wichtig ist, dass es diesen Bezugspersonen gelingt, ein belastbares Vertrauensverhältnis zu dem Jugendlichen aufzubauen und gerade auch in Phasen zunehmender ideologischer Radikalisierung präsent zu bleiben.

Eine zentrale Anforderung an gelingende Präventionsarbeit ist daher die Etablierung demokratisch orientierter Akteure im Sozialraum, die insbesondere sozial benachteiligten Jugendlichen Alternativen anbieten, persönlich gefestigt und glaubwürdig sind und gleichzeitig in stetem vertrauensvollem Kontakt mit den Jugendlichen und ihren Peergruppen bleiben. Gerade zu diesen Schlussfolgerungen ist jedoch noch weitere Forschung notwendig, um die Präventionspraxis wissenschaftlich geleitet unterstützen zu können.